Momentum: Warum Trends weiterlaufen

Das Momentum-Phänomen ist eines der erstaunlichsten empirischen Ergebnisse der Aktienforschung: Aktien, die in den letzten 3-12 Monaten gestiegen sind, übertreffen statistisch den Markt in den nächsten 1-3 Monaten. Aktien, die gefallen sind, fallen weiter. Das widerspricht der „effizienten Marktthese", ist aber über Jahrzehnte und Anlageklassen hinweg reproduzierbar.

Die akademische Grundlage

Jegadeesh & Titman 1993 dokumentierten die Anomalie erstmals systematisch: Ein Portfolio aus den 10 % der vergangenen 12-Monats-Gewinner schlug ein Portfolio aus den 10 % der Verlierer um durchschnittlich 1 % pro Monat — über 30 Jahre US-Aktien. Spätere Studien bestätigten den Effekt für internationale Märkte, Anleihen, Rohstoffe und sogar Währungspaare.

Erklärungen dafür sind mehrere:

  • Underreaction: Anleger reagieren zu langsam auf neue Informationen (Earnings-Surprises, Sektorrotation)
  • Herding: Steigende Kurse ziehen weitere Käufer an, fallende Verkäufer
  • Disposition Effect: Anleger halten Verlierer zu lang und realisieren Gewinner zu früh — das verschiebt die Preisanpassung
  • Limits to Arbitrage: Selbst wenn Arbitrageure den Effekt kennen, ist Shorten von Verlierern teuer und riskant

Wie MarketInsider Momentum misst

Der momentum_score ist eine gewichtete Mischung aus drei Sub-Signalen pro Aktie:

  • Kurzfristiger Return (rund ein Monat) — die unmittelbare Trend-Kraft
  • Risikoadjustierter mittelfristiger Return (rund ein Quartal, durch die Volatilität normalisiert) — eine ruhige, gerichtete Bewegung zählt mehr als eine hektische
  • Volumen-Trend (kurz- gegen mittelfristiges Handelsvolumen) — wachsende Marktaufmerksamkeit

Die Volatilitäts-Normalisierung beim mittelfristigen Return ist wichtig: Eine Aktie, die +30 % gestiegen ist bei hoher Vola, ist weniger informativ als eine, die +15 % gestiegen ist bei niedriger Vola. Letzteres deutet auf einen ruhigen, gerichteten Trend.

Alle drei werden pro Größensegment normalisiert — so wird Apple gegen Microsoft verglichen, nicht gegen eine Microcap.

Der TSI als separates Signal

tsi_score ist eine zusätzliche Composite-Komponente — kein Teil von momentum_score. TSI (True Strength Index, William Blau 1991) ist ein doppelt geglätteter Momentum-Oszillator:

TSI = 100 × EMA(EMA(Kursänderung, 25), 13) / EMA(EMA(|Kursänderung|, 25), 13)

Werte zwischen -100 und +100. Bullisch, wenn der TSI seine Signal-Linie nach oben kreuzt (Crossover-Event). Der tsi_score kombiniert den aktuellen TSI-Wert mit einem Bonus für frische bullische Crossover (zeitlich abklingend), einem Malus für bearische und einem Zuschlag für einen positiven TSI-Bereich.

Momentum ist die rohe Kursbewegung, TSI deren technische Bestätigung.

Wo Momentum versagt

  • Trend-Wenden (Reversals): Momentum funktioniert bis zur Trendumkehr — und genau dort macht es maximalen Verlust. Februar 2000, März 2009, März 2020 — abrupte Reversals haben Momentum-Strategien massiv gekostet.
  • Choppy Markets: In Seitwärtsphasen ohne klaren Trend liefert Momentum mehr Rauschen als Signal.
  • Mean-Reversion-Strategien arbeiten gegen Momentum: Manchmal funktioniert das eine, manchmal das andere — Regime-Wechsel sind schwer zu prognostizieren.
  • Crowding: Wenn zu viele Quant-Strategien dasselbe Momentum-Signal nutzen, wird der Edge wegerodiert (siehe Quant-Quake 2007).

Im Composite Score

momentum_score und der ergänzende tsi_score zählen zu den technischen Komponenten des Composite. Wie bei allen Komponenten wird ihr Gewicht durch die laufende Composite-Optimization auf historische Performance kalibriert.


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