Warum „der Markt ist gestiegen" in die Irre führt
TL;DR — Der Index ist ein Mittelwert, und Mittelwerte verstecken Spreizung. Zwischen der stärksten und der schwächsten Branche liegen Monat für Monat im Median rund 11 Prozentpunkte — im Juli 2026 waren es 14,9. Wer nur auf den Index schaut, sieht diese Bewegung nicht, obwohl sie größer ist als die des Index selbst.
Die Auswertung ist frei zugänglich, ohne Registrierung. Alle Zahlen in diesem Artikel stammen aus derselben Datenbasis und lassen sich im Bericht nachvollziehen.
Der Mittelwert ist nicht die Geschichte
„Der Markt hat im Juli zugelegt" ist ein Satz, der stimmen kann und trotzdem fast nichts erklärt. Ein Index fasst hunderte Einzelwerte zu einer Zahl zusammen. Diese Zahl beschreibt die Mitte — nicht die Bewegung.
Wir haben nachgerechnet, wie weit die Branchen tatsächlich auseinanderlaufen. Grundlage sind 79 Monate von Januar 2020 bis Juli 2026, gemessen über die liquiden US-Titel, gleichgewichtet und als Median je Branche. Gleichgewichtet heißt: jeder Titel zählt gleich viel, ein einzelnes Schwergewicht bestimmt das Bild also nicht.
Das Ergebnis ist deutlicher, als viele vermuten:
| Kennzahl | Abstand bester zu schlechtester Branche |
|---|---|
| Unteres Viertel der Monate | 8,7 Prozentpunkte |
| Median | 10,7 Prozentpunkte |
| Oberes Viertel der Monate | 15,1 Prozentpunkte |
| Extremster Monat | 35,4 Prozentpunkte |
In einem typischen Monat trennen die stärkste und die schwächste Branche also rund elf Prozentpunkte.
Der eigentliche Punkt wird beim direkten Vergleich sichtbar. Nimmt man alle liquiden Titel zusammen, bewegte sich der Gesamtmarkt in einem typischen Monat um 3,6 Prozentpunkte — die Spanne zwischen den Branchen war mit 10,7 also rund dreimal so groß. Und das ist kein Einzelfall: In 76 von 79 untersuchten Monaten war die Branchenspanne größer als die Bewegung des Gesamtmarkts. In 96 Prozent aller Monate steckte in der Spreizung mehr Bewegung als in der Zahl, über die berichtet wurde.
Alle Angaben beschreiben abgeschlossene Zeiträume. Vergangene Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für künftige Ergebnisse.
Wo das im Alltag auffällt
- Depotvergleich mit dem Index — Ein Depot mit Schwerpunkt in einer schwachen Branche hinkt dem Index hinterher, ohne dass die Titelauswahl schlecht gewesen sein muss. Umgekehrt kann ein Vorsprung schlicht daher rühren, dass die richtige Branche im Depot übergewichtet war.
- Berichte über „den Markt" — Meldungen beziehen sich fast immer auf den Index. Was in der Breite passierte, steht selten daneben.
- Rückblicke auf einzelne Monate — Ein flacher Indexmonat kann eine sehr bewegte Zeit für einzelne Branchen gewesen sein. Im Juli 2026 etwa bewegte sich der Gesamtmarkt wenig, während zwischen Energie und Technologie fast 15 Prozentpunkte lagen.
- Vergleich zweier Zeiträume — Zwei Monate mit gleicher Indexrendite können völlig unterschiedliche Branchenbilder haben. Ohne die zweite Ebene sehen sie identisch aus.
- Einordnung eigener Positionen — Ohne Branchenkontext ist unklar, ob ein Kursverlauf typisch für das Umfeld war oder eine Besonderheit des Titels. Das ist der häufigste Grund, aus dem eine Kursbewegung falsch gedeutet wird.
- Beurteilung von Fondsergebnissen — Ein Fonds mit Branchenschwerpunkt lässt sich nur sinnvoll bewerten, wenn man weiß, wie diese Branche gelaufen ist.
Die zweite Ebene: wie einheitlich läuft eine Branche?
Der Branchenmedian beantwortet, wie die Mitte einer Branche lief. Er sagt nichts darüber, wie eng die Titel beieinander liegen. Genau das ist die zweite Kennzahl, die wir ausweisen: den Abstand zwischen dem oberen und dem unteren Viertel der Einzeltitel.
Im Juli 2026 sah das so aus:
| Branche | Streuung innerhalb der Branche |
|---|---|
| Technologie | 26,5 pp |
| Rohstoffe | 12,3 pp |
| Versorger | 4,8 pp |
Bei den Versorgern liefen die Titel eng zusammen — der Branchenwert beschreibt hier fast jeden einzelnen Titel gut. Bei Technologie lagen zwischen dem oberen und unteren Viertel 26,5 Prozentpunkte. Dort ist der Branchenschnitt eine sehr grobe Auskunft über einen einzelnen Titel.
Das ist der Grund, warum wir beide Zahlen nebeneinander zeigen. Eine Branchenrendite ohne Streuungsangabe verleitet dazu, von der Branche auf den Titel zu schließen. Je nach Branche trägt dieser Schluss — oder eben nicht.
Lässt sich aus der Rangfolge etwas ableiten?
Die naheliegende Anschlussfrage lautet: Wenn eine Branche einen Monat vorne lag, liegt sie dann im nächsten auch vorne? Wir haben das über alle 79 Monate nachgerechnet und den Zusammenhang zwischen der Rangfolge eines Monats und der des Folgemonats gemessen.
Das Ergebnis ist ein schwacher, aber messbarer Zusammenhang. In Zahlen: die Rangkorrelation liegt bei etwa 0,13. Zur Einordnung — ein Wert von 1,0 hieße, die Rangfolge bliebe exakt gleich; 0 hieße, sie wäre vollkommen zufällig. Bei 0,13 erklärt die Reihenfolge des Vormonats rund zwei Prozent der Rangunterschiede des Folgemonats.
Praktisch heißt das: Die Rangfolge des Vormonats ist ein sehr schwaches Signal und kein Fahrplan. Über zwei bis drei Monate verliert sich der Zusammenhang in unseren Daten sogar ganz. Wer die Tabelle als Vorhersage liest, überinterpretiert sie.
Genau deshalb weisen wir die Rangfolge als Beschreibung des vergangenen Monats aus und nicht als Prognose. Der Nutzen der Auswertung liegt in der Einordnung: zu sehen, in welchem Umfeld sich ein Titel bewegt hat, und ob eine Kursbewegung branchentypisch war oder nicht.
Wie wir rechnen
Damit die Zahlen nachvollziehbar bleiben, hier die Methodik in Kurzform:
Gleichgewichteter Median statt Mittelwert
Jeder liquide Titel einer Branche zählt gleich viel, und wir nehmen den Median statt des Durchschnitts. Ein Durchschnitt lässt sich von einzelnen Extremwerten verschieben; der Median beschreibt die tatsächliche Mitte der Branche.
Nur volle Monate
Der laufende Monat bleibt außen vor. Sonst verglichen sich Teilmonate mit vollen Monaten, und die Rangfolge würde im Monatsverlauf wandern, ohne dass sich etwas an den Kursen geändert hätte.
Ein Datenfilter, der nötig ist
Kursdatenbanken enthalten rückwirkend angepasste Kurse — etwa nach einer Zusammenlegung von Aktien. Das sind korrekte Daten, für eine Monatsrendite aber unbrauchbar: einzelne Reihen springen dann um den Faktor mehrerer Hundert. Ohne einen Filter dagegen sprang die gemessene Branchenspanne in unserem ersten Durchlauf auf über 80.000 Prozentpunkte. Wir begrenzen deshalb die zulässige Kursspanne innerhalb eines Monats und verwerfen Titel-Monate, die sie überschreiten.
Was nicht als Branche zählt
Sammelposten wie „Unbekannt" oder Beteiligungsgesellschaften bleiben außen vor. Der Kurs einer Beteiligungsgesellschaft bildet fremde Portfolios ab, kein eigenes Geschäft — in einer Branchenrangfolge wäre das irreführend. Ebenso weisen wir Branchen mit weniger als fünf Titeln in einem Monat gar nicht erst aus: ein Median über drei Werte ist keine belastbare Aussage.
Warum die Liquiditätsstufe zum Zeitpunkt zählt
Ob ein Titel als liquide gilt, wird für jeden Monat neu bestimmt — mit dem Wissensstand von damals, nicht mit dem von heute. Andernfalls entstünde ein verzerrtes Bild: Titel, die erst später liquide wurden, tauchten rückwirkend in Monaten auf, in denen sie faktisch nicht handelbar waren.
Häufige Fragen (FAQ)
Bedeutet eine hohe Streuung, dass eine Branche riskanter ist?
Eine hohe Streuung bedeutet zunächst nur, dass die Titel innerhalb der Branche unterschiedlich gelaufen sind. Für die Einordnung eines einzelnen Titels heißt das, dass der Branchenwert wenig über ihn aussagt. Ob daraus ein höheres Risiko folgt, hängt vom einzelnen Unternehmen ab und lässt sich aus der Streuungszahl allein nicht ableiten.
Warum Median und nicht Durchschnitt?
Ein Durchschnitt reagiert stark auf einzelne Extremwerte. Steigt ein Titel einer Branche um 300 Prozent, hebt das den Durchschnitt spürbar, obwohl die übrigen Titel davon unberührt sind. Der Median beschreibt die Mitte und bleibt dadurch näher an dem, was für die Mehrheit der Titel galt.
Wie oft wechselt die Rangfolge der Branchen?
Häufig. Über die von uns gemessenen 79 Monate ist die Rangfolge des Vormonats nur ein sehr schwacher Anhaltspunkt für den Folgemonat. Wir weisen die Rangfolge deshalb als Beschreibung des vergangenen Monats aus und nicht als Fortschreibung.
Ist das eine Anlageempfehlung?
Nein. Der Bericht und dieser Artikel beschreiben, wie sich Branchenkurse in der Vergangenheit entwickelt haben. Daraus folgt keine Aussage über künftige Kurse und keine Empfehlung, einzelne Titel oder Branchen zu kaufen oder zu verkaufen.
Worin unterscheidet sich das von der Sektoranalyse?
Die Sektoranalyse wertet die Meldungen institutioneller Investoren aus und zeigt, wohin deren Kapital fließt. Die Sektor-Rotation — welche Branchen vorne laufen zeigt, wie sich die Kurse der Branchen entwickelt haben. Die eine Auswertung beschreibt Kapitalströme, die andere Kursverläufe — beide können in dieselbe oder in unterschiedliche Richtungen zeigen.
Warum nur US-Titel?
Die Auswertung stützt sich auf die Pflichtmeldungen an die US-Börsenaufsicht und die daran hängenden Kursreihen. Für diesen Datenbestand liegen Branchenzuordnung, Handelsvolumen und Kurshistorie durchgängig und in gleicher Qualität vor. Für andere Märkte ist die Abdeckung derzeit ungleichmäßig — eine gemischte Auswertung würde Unterschiede zeigen, die aus der Datenlage stammen und nicht aus dem Markt.
Welche Titel fließen in die Berechnung ein?
Liquide US-Titel oberhalb einer Mindest-Handelsschwelle, mit einem Kurs über einem US-Dollar und mindestens 15 Handelstagen im jeweiligen Monat. Branchen mit weniger als fünf Titeln in einem Monat weisen wir nicht aus, weil ein Median über so wenige Werte nicht belastbar ist.
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Der Bericht zeigt für jede Branche den Rang des letzten vollen Monats, die Rendite über ein, drei und zwölf Monate, den Verlauf der letzten 24 Monate sowie die Streuung innerhalb der Branche. Ohne Registrierung, ohne Kosten.