Momentum: Warum Trends weiterlaufen
Das Momentum-Phänomen ist eines der erstaunlichsten empirischen Ergebnisse der Aktienforschung: Aktien, die in den letzten 3-12 Monaten gestiegen sind, übertreffen statistisch den Markt in den nächsten 1-3 Monaten. Aktien, die gefallen sind, fallen weiter. Das widerspricht der „effizienten Marktthese“, ist aber über Jahrzehnte und Anlageklassen hinweg reproduzierbar.
Die akademische Grundlage
Jegadeesh & Titman 1993 dokumentierten die Anomalie erstmals systematisch: Ein Portfolio aus den 10 % der vergangenen 12-Monats-Gewinner schlug ein Portfolio aus den 10 % der Verlierer um durchschnittlich 1 % pro Monat — über 30 Jahre US-Aktien. Spätere Studien bestätigten den Effekt für internationale Märkte, Anleihen, Rohstoffe und sogar Währungspaare.
Erklärungen dafür sind mehrere:
- Underreaction: Anleger reagieren zu langsam auf neue Informationen (Earnings-Surprises, Sektorrotation)
- Herding: Steigende Kurse ziehen weitere Käufer an, fallende Verkäufer
- Disposition Effect: Anleger halten Verlierer zu lang und realisieren Gewinner zu früh — das verschiebt die Preisanpassung
- Limits to Arbitrage: Selbst wenn Arbitrageure den Effekt kennen, ist Shorten von Verlierern teuer und riskant
Wie MarketInsider Momentum misst
Der momentum_score ist eine gewichtete Mischung aus fünf Bausteinen pro Aktie:
- Kurzfristiger Return (rund ein Monat) — die unmittelbare Trend-Kraft
- Risikoadjustierter mittelfristiger Return (rund ein Quartal, durch die Volatilität normalisiert) — eine ruhige, gerichtete Bewegung zählt mehr als eine hektische
- Mittelfristiger Trend (rund ein halbes Jahr) — bestätigt, dass die Bewegung kein kurzes Strohfeuer ist
- Volumen-Bestätigung (kurz- gegen mittelfristiges Handelsvolumen, mit dem Vorzeichen der jüngsten Kursrichtung) — wachsende Marktaufmerksamkeit zählt nur in Trendrichtung
- Nähe zum 52-Wochen-Hoch — Aktien nahe ihrem Jahreshoch setzen ihren Lauf statistisch eher fort (George & Hwang 2004)
Die Volatilitäts-Normalisierung beim mittelfristigen Return ist wichtig: Eine Aktie, die +30 % gestiegen ist bei hoher Vola, ist weniger informativ als eine, die +15 % gestiegen ist bei niedriger Vola. Letzteres deutet auf einen ruhigen, gerichteten Trend.
Die vier Rang-Bausteine werden pro Größensegment normalisiert — so wird Apple gegen Microsoft verglichen, nicht gegen eine Microcap. Die Nähe zum 52-Wochen-Hoch geht dagegen absolut ein: Sie ist der Anker des Scores und verhindert, dass in einem breit fallenden Markt die „am wenigsten gefallene“ Aktie allein durch ihren Rang ein hohes Momentum erhält.
Der TSI als separates Signal
tsi_score ist eine zusätzliche Composite-Komponente — kein Teil von momentum_score. TSI (True Strength Index, William Blau 1991) ist ein doppelt geglätteter Momentum-Oszillator:
TSI = 100 × EMA(EMA(Kursänderung, 25), 13) / EMA(EMA(|Kursänderung|, 25), 13)
Werte zwischen -100 und +100. Bullisch, wenn der TSI seine Signal-Linie nach oben kreuzt (Crossover-Event). Der tsi_score kombiniert den aktuellen TSI-Wert mit einem Bonus für frische bullische Crossover (zeitlich abklingend), einem Malus für bearische und einem Zuschlag für einen positiven TSI-Bereich.
Momentum ist die rohe Kursbewegung, TSI deren technische Bestätigung.
Wo Momentum versagt
- Trend-Wenden (Reversals): Momentum funktioniert bis zur Trendumkehr — und genau dort macht es maximalen Verlust. Februar 2000, März 2009, März 2020 — abrupte Reversals haben Momentum-Strategien massiv gekostet.
- Choppy Markets: In Seitwärtsphasen ohne klaren Trend liefert Momentum mehr Rauschen als Signal.
- Mean-Reversion-Strategien arbeiten gegen Momentum: Manchmal funktioniert das eine, manchmal das andere — Regime-Wechsel sind schwer zu prognostizieren.
- Crowding: Wenn zu viele Quant-Strategien dasselbe Momentum-Signal nutzen, wird der Edge wegerodiert (siehe Quant-Quake 2007).
Im Composite Score
momentum_score und der ergänzende tsi_score zählen zu den technischen Komponenten des Composite. Wie bei allen Komponenten wird ihr Gewicht durch die laufende Composite-Optimization auf historische Performance kalibriert.
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