Fundamentalkennzahlen verstehen
Der Aktienkurs allein sagt fast nichts: 300 € können für eine Aktie spottbillig und für eine andere absurd teuer sein. Fundamentalkennzahlen setzen den Kurs ins Verhältnis zu dem, was ein Unternehmen tatsächlich erwirtschaftet — Umsatz, Gewinn, Cashflow, Substanz. Sie übersetzen den Geschäftsbericht in vergleichbare Verhältniszahlen und beantworten vier Fragen:
- Wie teuer ist die Aktie? → Bewertung (KGV, KUV, KBV, EV/EBITDA)
- Wie gut verdient die Firma? → Profitabilität (Margen, ROIC)
- Wie stabil steht sie? → Bilanz & Risiko (Verschuldung, Zinsdeckung)
- Was kommt beim Aktionär an? → Kapitalrückführung (Dividende, Rückkäufe)
Die goldene Regel: Keine Kennzahl steht für sich. Jede Zahl wird erst im Branchenvergleich (Software ≠ Bank) und im Zeitverlauf (steigt oder fällt der Wert über die Jahre?) aussagekräftig. Inside Filings zeigt deshalb zu jeder Kennzahl den 5-Jahres-Trend.
Die Bausteine: Woher die Zahlen kommen
Alle Kennzahlen werden aus drei Teilen des Geschäftsberichts gebildet: der Gewinn- und Verlustrechnung (wie viel verdient die Firma?), der Bilanz (was besitzt und schuldet sie?) und der Cashflow-Rechnung (wie viel echtes Geld fließt?). Der wichtigste Pfad ist der vom Umsatz zum Gewinn:
Aus der Bilanz kommen Eigenkapital (Buchwert), Schulden und Cash; aus der Cashflow-Rechnung der operative Cashflow und — nach Abzug der Investitionen (CapEx) — der freie Cashflow (FCF). Eine zentrale abgeleitete Größe ist der Unternehmenswert (Enterprise Value, EV): der Preis, den ein Käufer für die ganze Firma zahlen müsste — inklusive Schulden, abzüglich der vorhandenen Liquidität.
Bewertung — Wie teuer ist die Aktie?
Bewertungskennzahlen setzen den Börsenpreis ins Verhältnis zu Gewinn, Umsatz, Substanz oder Cashflow. Sie sagen nicht, ob eine Firma gut ist — nur, ob sie im Verhältnis zu ihrer Leistung teuer oder günstig gehandelt wird.
KGV — Kurs-Gewinn-Verhältnis (P/E)
Aktienkurs geteilt durch Gewinn je Aktie. Die bekannteste Bewertungskennzahl — sie sagt, wie viele Jahresgewinne man für die Aktie bezahlt (ein KGV von 20 = 20 Jahre, bis der Gewinn den Kaufpreis eingespielt hätte, bei konstantem Gewinn).
- < 15 → günstig bewertet oder geringe Wachstumserwartung
- > 25 → teuer oder hohe Wachstumserwartung
- Bei Verlust nicht definiert (negativer Gewinn → kein sinnvolles KGV)
Immer im Branchenvergleich lesen: Software trägt strukturell höhere KGVs als Banken. Und immer gegen das Wachstum: ein KGV von 30 ist bei 30 % Wachstum fair, bei 3 % Wachstum teuer (Daumenregel PEG = KGV ÷ Wachstum, ~1 ist fair).
KUV — Kurs-Umsatz-Verhältnis (P/S)
Marktkapitalisierung geteilt durch Jahresumsatz. Der große Vorteil: Das KUV funktioniert auch bei Verlustfirmen, wo das KGV versagt — junge Wachstumsunternehmen machen oft noch keinen Gewinn, aber Umsatz. Der Nachteil: Es ignoriert die Marge. 1× Umsatz bei 5 % Nettomarge ist teurer als 2× Umsatz bei 30 % Marge. Das KUV daher nie ohne Blick auf die Profitabilität lesen.
KBV — Kurs-Buchwert-Verhältnis (P/B)
Marktkapitalisierung geteilt durch das Eigenkapital (Buchwert).
- < 1 → die Börse bewertet die Firma unter ihrem bilanziellen Substanzwert — ein Value-Indiz oder ein Misstrauensvotum
- Aussagekräftig bei bilanzlastigen Geschäftsmodellen (Banken, Versicherer, Industrie, Immobilien)
- Wenig aussagekräftig bei Asset-light-Firmen (Software, Marken), deren Wert in immateriellen Gütern steckt, die kaum in der Bilanz stehen
EV/EBITDA (und EV/EBIT, EV/Umsatz)
Unternehmenswert (EV) geteilt durch den operativen Gewinn vor Abschreibungen (EBITDA). Die Standard-Kennzahl für Branchenvergleiche und Übernahmen, weil sie — anders als das KGV — unabhängig von Kapitalstruktur und Steuersatz ist.
- < 8 → eher günstig
- > 15 → eher teuer
Varianten: EV/EBIT zieht zusätzlich die Abschreibungen ab (strenger, kapitalintensive Firmen sehen teurer aus) und EV/Umsatz ist das margenunabhängige Pendant zum KUV auf EV-Basis.
Free-Cashflow-Rendite
Freier Cashflow (operativer Cashflow − Investitionen) geteilt durch die Marktkapitalisierung — gewissermaßen das umgekehrte KGV auf Cash-Basis. Sie zeigt, wie viel echtes, verfügbares Geld die Firma je Euro Börsenwert erwirtschaftet. Schwerer zu manipulieren als der Buchgewinn, weil Cash entweder fließt oder nicht. > 5 % gilt als attraktiv.
Dividendenrendite
Jahresdividende geteilt durch den Aktienkurs — der laufende Ertrag der Aktie, unabhängig vom Kursverlauf. Vorsicht vor der Value-Falle: Eine hohe Dividendenrendite kann auch die Folge eines eingebrochenen Kurses sein. Immer zusammen mit der Ausschüttungsquote lesen — nur eine gut verdiente Dividende ist nachhaltig.
Qualität & Profitabilität — Wie gut verdient die Firma?
Bewertung sagt, was die Aktie kostet. Qualität sagt, was man dafür bekommt. Hier zählt nicht der Preis, sondern wie effizient eine Firma aus Umsatz Gewinn und aus Kapital Rendite macht.
Margen: Brutto, operativ, netto
Die drei Margen sind Stufen auf dem Weg vom Umsatz zum Gewinn — jede zeigt, wie viel nach einer weiteren Kostenebene übrig bleibt:
- Bruttomarge = (Umsatz − Herstellkosten) ÷ Umsatz. Misst die Preissetzungsmacht. Eine über Jahre steigende Bruttomarge ist eines der robustesten Qualitätssignale überhaupt.
- Operative Marge = EBIT ÷ Umsatz. Profitabilität des Kerngeschäfts nach allen laufenden Kosten, aber vor Zinsen und Steuern — die zentrale Effizienz-Kennzahl im Wettbewerbsvergleich.
- Nettomarge = Jahresüberschuss ÷ Umsatz. Was am Ende für die Aktionäre übrig bleibt. > 20 % ist außergewöhnlich profitabel, < 5 % ein dünnes Polster, anfällig für Kostenschocks.
ROIC — Return on Invested Capital
Operativer Gewinn (nach Steuern) geteilt durch das gesamte eingesetzte Kapital (Eigenkapital + verzinsliches Fremdkapital). Der ROIC ist ehrlicher als die Eigenkapitalrendite (ROE), die sich durch hohe Verschuldung künstlich aufblähen lässt: Wer Eigen- durch Fremdkapital ersetzt, hebt den ROE, ohne operativ besser zu werden. Der ROIC fällt darauf nicht herein.
Der eigentliche Test ist der Vergleich mit den Kapitalkosten (WACC, grob 7–9 %): Nur wer mehr verdient, als das Kapital kostet, schafft Wert.
Ein ROIC, der über Jahre deutlich über den Kapitalkosten liegt, ist das stärkste quantitative Indiz für einen wirtschaftlichen Burggraben — eine Marktstellung, die Wettbewerber nicht leicht angreifen können.
Bilanz & Risiko — Wie stabil steht die Firma?
Eine profitable Firma kann trotzdem fallen, wenn die Bilanz sie in der nächsten Krise erdrückt. Diese Kennzahlen messen die Widerstandskraft.
Verschuldungsgrad (Debt/Equity)
Verzinsliches Fremdkapital geteilt durch Eigenkapital. Wie stark die Firma mit Schulden statt eigenem Geld finanziert ist. Hohe Werte erhöhen die Rendite in guten Zeiten — und das Risiko in schlechten. Was „zu hoch" ist, hängt stark von der Branche ab: Versorger und Immobilien vertragen mehr als zyklische Industrie.
Nettoverschuldung / EBITDA
(Schulden − Cash) geteilt durch das EBITDA. Sagt, wie viele Jahre operativer Gewinn nötig wären, um schuldenfrei zu sein — die Kennzahl, auf die Banken und Ratingagenturen am genauesten schauen.
- < 1 → sehr solide
- > 3 → hohe Verschuldung, in Krisen riskant
- Negativ → mehr Cash als Schulden (Netto-Cash-Position, komfortabel)
Zinsdeckungsgrad (Interest Coverage)
Operativer Gewinn (EBIT) geteilt durch den Zinsaufwand — wie oft die Firma ihre Zinslast aus dem laufenden Geschäft bezahlen kann. Besonders wichtig im Umfeld steigender Zinsen.
Current Ratio (Liquidität 3. Grades)
Kurzfristiges Umlaufvermögen geteilt durch kurzfristige Verbindlichkeiten. Kann die Firma ihre Rechnungen der nächsten 12 Monate aus vorhandenen kurzfristigen Mitteln bezahlen? Ein Wert über 1 heißt: ja, mit Puffer. Deutlich unter 1 kann auf Liquiditätsstress hindeuten (in manchen Geschäftsmodellen mit schnellem Lagerumschlag aber normal).
Goodwill & immaterielle Vermögenswerte
Bei Firmen, die viel zugekauft haben, steht ein großer Teil des Eigenkapitals als Goodwill (Aufpreis über den Substanzwert übernommener Firmen) in der Bilanz. Das ist kein Mangel — aber bei Fehlinvestitionen drohen Abschreibungen, die das Eigenkapital schlagartig schmälern. Ein hoher Goodwill-Anteil macht das KBV optisch niedrig, ohne dass echte Substanz dahintersteht.
Kapitalrückführung — Was kommt beim Aktionär an?
Gewinn nützt dem Aktionär erst, wenn er ausgeschüttet oder sinnvoll reinvestiert wird. Zwei Wege fließen direkt zurück: Dividenden und Aktienrückkäufe.
Ausschüttungsquote (Payout Ratio)
Gezahlte Dividenden geteilt durch den Jahresgewinn — der Prüfstein für die Nachhaltigkeit der Dividende.
- < 60 % → Dividende gut verdient, Spielraum für Erhöhungen
- > 100 % → die Dividende übersteigt den Gewinn, wird aus der Substanz oder über Schulden gezahlt — auf Dauer nicht haltbar
Buyback-Rendite & Shareholder Yield
Aktienrückkäufe des letzten Geschäftsjahres geteilt durch die Marktkapitalisierung. Rückkäufe wirken wie eine zweite, stille Dividende: Weniger Aktien → mehr Gewinn je verbleibender Aktie. Dividendenrendite und Buyback-Rendite zusammen ergeben den Shareholder Yield — die gesamte Rückführung an die Eigentümer.
Das Zusammenspiel: Bewertung × Qualität
Die häufigste Falle für Einsteiger ist, nur auf den Preis zu schauen. „Billig" ist nicht gleich „gut". Erst Bewertung und Qualität zusammen ergeben ein Bild:
Eine optisch billige Aktie mit fallenden Margen und hoher Verschuldung ist meist kein Schnäppchen, sondern eine Value-Falle. Umgekehrt kann ein „teurer" Quality-Compounder mit dauerhaft hohem ROIC die bessere Investition sein.
Wie Inside Filings Fundamentaldaten nutzt
Die Fundamental-Komponente des Glück Conviction Score™ bewertet vier Dimensionen: die Bewertung, die Profitabilität (Margen), das Umsatzwachstum und die Verschuldung. Für die Bewertung nutzt sie primär das KGV — und bei Verlustfirmen, wo das KGV nicht definiert ist, ersatzweise das KUV als Lückenfüller. So bekommen auch profitabel-noch-nicht-werdende Wachstumsfirmen eine faire Bewertungseinordnung statt eines blinden Flecks.
Alle Kennzahlen werden pro Größensegment in Rangzahlen normalisiert — eine Software-Firma wird gegen Software verglichen, eine Bank gegen Banken. So verzerren strukturell unterschiedliche Kennzahlen-Niveaus das Signal nicht. Die exakten Gewichte der einzelnen Dimensionen sind Betriebsgeheimnis.
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Hinweis: Inside Filings ist ein Informationsdienst, kein Wertpapierinstitut. Alle Kennzahlen und Einordnungen sind statistische Aufbereitungen publizierter SEC-Daten — keine Anlageberatung, keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung und keine Garantie künftiger Entwicklungen. Anlageentscheidungen treffen Sie eigenverantwortlich.